Sarah Lesch

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Ich trag dich nach Haus

DRUNTER MACHEN WIR`S NICHT

TRIGGERWARNUNG!

Der Titel von Sarah Leschs fünftem Album ist Programm und Provokation. Die Lieder sind Statement und Kraftquelle. Die Platte ist eine Ansage an eine Gesellschaft, die sich oft noch schwertut wichtige Diskurse auszuhalten. Nach 50 Jahren “Wir haben abgetrieben”, nach 15 Jahren MeToo-Kampagne, nach knapp einem Jahrzehnt #aufschrei mag vielleicht niemand mehr an die heile Welt glauben, aber mehr als ein kollektives Achselzucken ist leider in der Regel nicht drin. Sarah Lesch ist wütend. Wut, die sich Bahn bricht nach toughen Jahren als Musikerin, als Frau, als Mutter. Als Mensch. Aufgestaute, aufgeschobene Wut. Wut, die sich nun umkehrt: In Kraft und Verständnis. In Klarheit. In Wahrheit, Unbedingtheit und: in Liebe. Das ist alles nicht neu, schon Testament, Zeitlose Kamelle und viele andere ihrer Lieder haben emanzipatorische Themen auf die Bühne getragen. Mit ihnen hat Sarah Lesch dem Liedermachergenre in den letzten Jahren den Altherrendogmatismus ausgetrieben und den politischen Song wieder um Themen des privaten Zusammenlebens erweitert. Und dennoch geht TRIGGERWARNUNG weiter als alles bisherige.

“TRIGGERWARNUNG” erscheint am 19.11.2021 via Räuberleiter / Kontor / Edel.

SARAH LESCH ÜBER ALLTAGSPOLITIK, GELEBTE VERANTWORTUNG UND SOLIDARITÄT

“Vielleicht beginnt hier etwas Neues und mehr wissen wir noch nicht, doch du bist da, ich sing für Dich und am Ende dieser Straße brennt schon Licht.”
(Licht)

2020. Ein unvorstellbares Jahr, in vielerlei Hinsicht. Ein 80 Nanometer großes Virus hielt die Welt an und mit ihr auch vieles in jeder einzelnen Person. Der Mensch, zurückgeworfen auf sich, das eigene Umfeld, die eigenen Grenzen. In die Stille. Und in dieser wurde es allmählich laut. Gesellschaftliche Schieflagen wurden sichtbar, Unmut machte sich breit, Schmerz wurde spürbar und Existenzangst. Bei all den Unwägbarkeiten im letzten Jahr habe ich aber auch wieder festgestellt, wofür ich das alles hier mache. Aber eben auch, wofür ich es nicht mache. Kapitalistische Strukturen kotzen mich nach wie vor an, genau wie damals als ich Testament geschrieben habe. Auch sie sind aus einem patriarchalen Machtsystem entstanden, in dem ich nicht mehr leben möchte. Geld ist immer noch Tauschmittel und wer es hat, hat Macht. Wer es hat, ist was wert. Aber zurück zum Punkt: Ich mache das alles hier, weil ich nicht anders kann als singen und schreiben. Und egal, wie wenig ich dafür verdiene, ich werde wohl niemals damit aufhören. Weil es mein Herzenswunsch ist das zu tun. Weil ich echt was zu geben habe, ohne dass ich dadurch was verliere. Genauso wie das Pädagog:innen, Altenpfleger:innen, Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, jegliches Carework-Personal und viele viele andere (fällt euch was auf? Genau: Hauptsächlich “weich” und “weibliche” Berufsgruppen) tun und dafür viel zu wenig von diesem Geldwert erhalten.

Es gab Jahre, da hab ich das Konto und den Kartoffelkeller gut voll gehabt und war so unglücklich wie nie, weil ich wie blöde rennen musste, um auch nur ein bisschen das Gefühl zu haben, ruhen zu dürfen, bis es schon wieder um ein künstliches Wachstum ging. Tausende Filme, Lieder, Bücher erzählen darüber. Wir wissen alle, dass es nicht glücklich macht Macht und Geld zu haben außer, man ist ein psychopathischer Diktator oder sehr dumm). Was am Geld glücklich macht, ist die Teilhabe an gesellschaftlichen Ereignissen, Kunst, Kultur, Zugang zu Bildung, Sicherheit, ein Zuhause und dass man weiß, man kann immer noch einen Löffel mehr auf den Tisch legen, wenn mal Besuch kommt. Das ist alles. Und ich glaube daran, dass es möglich ist ALLEN diese Sicherheit zu geben. Einfach so. Und dass dann viel Schönes wachsen kann daraus.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir aufhören nach unserer Wurst zu springen und begreifen, dass dieser Umgang mit Mensch und Umwelt, diese patriarchalen Systeme, diese Zeit - vorbei ist. Weil wir endlich den Sinn hinterfragen. Und dass unsere Zeit einen unbezahlbaren Wert hat und jede, jede kostbare Lebensstunde unwiederbringlich ist.

SARAH LESCH ÜBER FEMINISMUS, SCHWESTERNSCHAFT UND SELBSTLIEBE

*TRIGGERWARNUNG für folgende Inhalte: Gewalt an Frauen, Misogynie, verbale und sexualisierte Gewalt

“Jetzt setz ich das Maß - und drunter mach ich’s nich mehr!” (Drunter machen wir’s nicht)

Wenn man eigene Lieder schreibt, dann passiert immer viel Magie und ein Aspekt dieser Magie ist, dass man sich eine Art Bann auferlegt. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn ich zum Beispiel ein Lied singe über den rosa Elefanten, dann begleitet der mich auch wie ein Schutzpatron und ich kann einfach nicht aufhören Wahrheiten zu sprechen und “aufzuräumen”. Manchmal erschrecke ich mich auch vor einem Lied und denke: Das wird jetzt kommen? Okay, spannend. Dann ab in die Galoschen, Sarah!

Das Motto, das ich seit ein paar Monaten mit mir trage ist: “Drunter mach ich’s nicht mehr”. Seit dieses Lied fertig geschrieben ist, lässt es nicht mehr zu, dass ich mich unter Wert verkaufe. Im Privaten nicht wie im Beruflichen. Etwas, dass ich seit Jahren in der Theorie total verstanden habe, wandelt und manifestiert sich in ein unkaputtbares Herzverständnis. In gelebte Weisheit. Ich bin es mir wert, genau das zu sein, was ich eben bin. Ganz gleich wie absurd oder unbequem das für andere Menschen sein mag. Und genauso möchte ich mit meinem Umfeld umgehen. Das ist ein ewiges Wechselspiel, ein stetig unberechenbarer Fluss, ein Balancieren und ein wertfreies Staunen gegenüber dem was mir begegnet. In mir und außen. Das ist mein Feminismus.

Feminismus. Ein Wort, dass in vielen Ohren noch immer unangenehm klingt und z.T. extreme Reaktionen hervorruft. Von Unmut und dem Drang neue Worte für das alte Bedürfnis nach Veränderung zu finden bis hin zu offener Gewalt ist alles zu beobachten. Welche Bedrohung sehen Menschen in diesem Wort, sodass sie sich zu solchen Reaktionen hinreißen lassen? Ich muss so ziemlich jeden Tag mit soetwas umgehen und das nicht nur, weil ich eine weiblich gelesene Frau bin, sondern weil ich dazu auch noch in der Öffentlichkeit stehe.

Aber nicht nur Künstler:Innen, sondern wir alle sollten uns endlich trauen unhandlich und unbequem zu sein, denn jetzt ist das Maß, da wo WIR es setzen. „Gut so!“ dürfen sich nicht nur alle anderen Frauen denken, sondern auch Männer. Denn auch sie leiden unter patriarchalen Strukturen, auch wenn die eigene Sozialisierung dies oft anders verkaufen möchte. Für Frauen allerdings sind Feminismus, gerechte Sprache und ein neuer Diskurs über Sexismus und Ungerechtigkeit auf einer anderen Ebene wichtig. Denn er ist überlebenswichtig.

Frauen in unserer Gesellschaft leben täglich mit der Angst, dass ihnen Gewalt (verbal oder körperlich) widerfährt. Sie haben also gar keine andere Wahl, als sich zu wehren, zu sprechen, laut zu werden. Für ein Wachsen, eine solidarische Gemeinschaft, ein Weiterleben. Doch alleine ist das nicht zu schaffen, nachhaltige Veränderung beginnt auch immer von innen, wenn wir wieder lernen uns als Menschen zu begegnen. Und zuhören. Uns berühren lassen, mutig vorangehen.

Dafür braucht es auch herzoffene, mutige und sensible Männer, die sich trauen das gewohnte und erlernte Sprechen zu verlassen, die eigene Verantwortung zu erkennen, sich einzusetzen und sichtbar zu werden. Damit wir alle frei werden und es bleiben.

Denn drunter machen wir‘s nicht mehr.